Jüri Reinvere
Minona (Uraufführung)

Theater Regensburg

Premiere: 25. Januar 2020

Musikalische Leitung Chin-Chao Lin
Inszenierung Hendrik Müller
Bühne Marc Weeger
Kostüme Katharina Heistinger
Dramaturgie Julia Anslik
Minona Theodora Varga
Josephine Brunsvik /
Minona als junge Frau
Anna Pisareva
Gräfin von Goltz Vera Semieniuk
Baron von Stackelberg Adam Kruzel /
Seymur Karimov
Marie Esther Baar
Leonore Deniz Yetim
Graf von Teleki Johannes Mooser
Attila de Gerando Deniz Yilmaz
Vilma Andrea Dohnicht-Pruditsch /
Ayumi Futagawa
Gabriel Roman-Ruslan Soltys /
Thomas Lackinger

weitere Vorstellungen: 2., 18. und 26. Februar,
3. und 7. März, 9. und 15. April sowie 11. und 30. Mai 2020

Anlässlich des 250. Geburtstages Ludwig van Beethovens widmet sich die Oper dem Schicksal Minona von Stackelbergs. Indizien weisen darauf hin, dass es sich bei ihr um die leibliche Tochter Beethovens handelt. Im Juli 1812 schrieb Beethoven den Brief an die „Unsterbliche Geliebte“, als dessen Adressatin wohl Minonas Mutter Josephine Brunsvik gelten kann, die damals jedoch unglücklich in zweiter Ehe an den baltendeutschen Baron Christoph von Stackelberg gebunden war. Im April 1813 kam dann Josephines Tochter Minona zur Welt. Sie war ihr siebtes Kind. In die Ehe mit Baron von Stackelberg, an deren Scheitern 1812 kaum mehr ein Zweifel bestand, hatte sie bereits vier Kinder mitgebracht. Minona wurde in eine äußerst unsichere familiäre Situation hineingeboren.
Als Christoph von Stackelberg zurück in seine estnische Heimat ging und Josephine ihm nicht folgen wollte, holte er eigenmächtig die gemeinsamen Kinder und Minona zu sich nach Reval, dem heutigen Tallinn.
Die Oper sucht zu ergründen, wie sich dort das Leben für Minona und besonders die Beziehung zu dem Mann, den sie als ihren Vater annehmen musste, gestalteten. Unausgesprochen schwebt die Ahnung einer anzuzweifelnden Vaterschaft immer im Raum. Minonas Verbundenheit mit Beethoven entsteht zunächst jedoch allein durch die Bewunderung seiner Kunst. Von der Liebe zwischen dem Komponisten und ihrer Mutter erfährt sie erst nach deren Tod aus Briefen im Nachlass.
Für Reinvere ist Minona ein Kind der Hoffnung jener Liebe – in einer Lebenswelt, die wenig Raum für Hoffnung lässt.
Minona von Stackelbergs Geschichte lässt Raum für Fragen und Spekulationen. Es ist daher gerade die Suche einer Frau nach ihrer Identität, die Regisseur Hendrik Müller – der nach „Carmen“, „Freax“ und „Edgar“ wieder ans Theater Regensburg kommt – ins Zentrum seiner Inszenierung rückt. Minona sucht Hilfe in der Kunst, nutzt sie als Kompensation, und droht doch an dem Übervater Beethoven zu zerbrechen. (Theater Regensburg)

"Historisch erzählende Biographie-Opern finde ich sehr problematisch, da das Musiktheater schon in seinen formalen Anlagen kein geeignetes Medium zum Referieren von Fakten ist. Eine solche Biographie-Oper hat Jüri Reinvere aber auch nicht geschaffen. Wir sehen im Zentrum der Oper „Minona“ eine Frau, die ihre eigene Geschichte nicht kennt. Sie kann sich nicht sicher sein, wer ihr Vater ist und noch weniger, ob sie als Kind, als Mensch überhaupt jemals gewünscht war. Mit den bohrenden Fragen „Warum bin ich auf dieser Welt? Wer hat mich gewollt?“ unauslöschlich im Herzen, bewegt sie sich stets im toten Winkel ihres eigenen Daseins, lebt sie ein uneigentliches Leben.
Jüri Reinvere transportiert so sehr geschickt die Ungewissheit, das Unbewiesene (vielleicht Unbeweisbare) seines Komponier- und Forschungsgegenstandes Minona von Stackelberg direkt ins Zentrum seiner Hauptfigur selbst. So ist es in der Folge auch völlig unerheblich, ob Minona nun Beethovens Tochter ist oder nicht. Oder ob Josephine Brunsvick die von ganzen Musikologen-Generationen gejagte „Unsterbliche Geliebte“ war oder nicht. Das Ungewisse, das immer Fragende ist das Zentrum der Figur Minona. Ludwig van Beethoven, der in der Oper als Figur niemals auftritt, spielt somit auch keine Rolle als historische Persönlichkeit, sondern als Projektionsfläche, als Sehnsuchtsort. Genährt nur von der Faszination für seine Kunst und dem Funken einer Ahnung, dass es eine Verbindung zu ihm geben könnte, erschafft sich Minona einen fantasierten Ideal-Beethoven als Übervater. Diesen Gedanken finde ich im (auch kommerziell augenscheinlich bestens aufgestellten) Beethoven-Jubeljahr äußerst produktiv, da kaum ein Künstler so sehr als identitätsstiftende Projektionsfigur für ganze Nationen herhalten muss (und schon immer musste) wie Ludwig van Beethoven. Da wird nun auch ein ganz großer Über-Beethoven kreiert, äußerst affirmativ und unter Ausschluss sämtlicher Fragezeichen. Gewissheiten sind immer brandgefährlich, in der Kunst ebenso wie in der Politik und in der Gesellschaft – und überhaupt im ganzen Leben.
Die Opernfigur Minona hat keine Gewissheiten. Ich stelle in meiner Inszenierung aber ihr Suchen und Sehnen danach ins Zentrum – und lasse sie daran zu Grunde gehen. Die Widersprüche bleiben unauflöslich, einfache Antworten kann es nicht geben. Die Widersprüchlichkeit, das Ungewisse aushalten – das ist unser Auftrag als Menschen wie als Gesellschaft. Und wie schwer das ist, hat Beethoven komponiert." (hm)

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